internationale solidarität statt unbekümmerter patriotismus: warum wir uns an nationalen symbolen im fußball stören

Wenn zu jedem Kasten Bier eine Deutschland-Flagge verschenkt wird…
Wenn statt bunten Gummibärchen nur noch schwarze, rote und goldene zu kaufen sind…
Wenn nächtelang hupende Autos durch die Städte fahren…
Wenn in der ganzen Innenstadt tausende Deutschlandflaggen wehen…
Wenn Nazis in den Straßen der Stadt feiern…
…dann ist Fußballweltmeisterschaft der Männer!

Erschreckend aber wahr. Fußballspiele im Rahmen einer Welt- oder Europameisterschaft werden zum Werbeschlager und Volksfest, denn Fußball ist Nationalsport. Sie werden jedoch leider nicht zu einem gemeinsamen, integrierenden, sozialen, politischen oder kritischen Fest, bei dem Menschen unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Staatsbürgerschaft, Geschlecht, sexueller Orientierung etc. zusammen feiern.

Aber warum schauen nicht einfach die an Fußball interessierten den 22 Millionären beim Rennen um ein Stück Leder zu, während alle anderen weiter ihren Interessen nachgehen? Es scheint, als sei es Pflicht, sich die Flagge ins Gesicht zu malen, eine Kiste Bier zu besorgen und grölend die Nationalhymne zu singen. „Wir“ jubeln für „unsere 11“ und verteufeln den Gegner, den Feind, jede andere Nation.

Aber was, wenn wir nicht dieses „Wir“ sein wollen? Was wenn wir Fußball mögen, aber weder den Patriotismus leben noch mit Nazis feiern wollen?

Denn das Problem ist eindeutig. Nicht der Fußball an sich grenzt aus, diskriminiert, schafft Raum für die extreme Rechte, sondern die Fans. Wenn hunderte Menschen die Nationalflagge schwenken und gemeinsam die Nationalhymne singen, freut sich jedeR NationalistIn. Denn er/sie kann das tun, was sonst von linken, politisch interessierten und kritischen Menschen unterbunden wird, den Stolz auf die Nation ausleben und Menschen anderer Herkunft, sexueller Orientierung, politischer Meinung ausgrenzen und verfolgen. Es ist bekannt dass es den Fußballfans nicht um das Feiern des Staates Deutschland geht, sondern um „unsere 11“, aber genau da liegt die Gefahr. Angehörige der extremen Rechten nutzen diese Stimmung und verschwimmen mit den Fußballfans, ohne dass diese sich dagegen wehren können, solange sie auch die nationalen Symbole nutzen

So feierten schon nach dem ersten Spiel der deutschen Nationalmannschaft am 13. Juni 2010 einige hundert Menschen auf der Kreuzung (Bahnhofstr-Morianstr-B7) am Wuppertaler Hauptbahnhof. Doch ohne dass es die Fußballfans wussten oder ohne sich dafür zu interessieren, feierten sie mit diversen AnhängerInnen der extrem Rechten. Diese blockierten die Treppe zu den Bushaltestellen 4 und 5 am Hauptbahnhof und heizten die aggressive Stimmung mit Bier und Parolen wie „Sieg heil“ an. Für Menschen mit Migrationshintergrund, Linke, politisch Interessierte, Schwule, Lesben eine lebensgefährliche Situation. Denn die Treppen sind umgeben von Mauern und die Situation aus dem Bahnhofstunnel nicht einsehbar und das Ziel der extrem Rechten ist es, genau diese Minderheiten zu vernichten.

Die Frage, die sich stellt: Warum muss ein Fußballspiel von Symbolen der Nation begleitet werden?

Denn die Gefahr besteht nicht nur darin, Raum für AnhängerInnen der extremen Rechten zu bieten. Schon wenn es um „die Nation“ geht, sind alle Beteiligten konfrontiert mit Diskriminierung, Unterdrückung und Ausgrenzung. Denn eine Definition oder das Bilden einer Nation funktioniert nur in Abgrenzung zu etwas, wie auch immer definierten, anderem.

Man definiert also eine Nation, ein Volk und findet Unterschiede zu anderen.

So ist deutsch, wer in künstlichen, von BerufspolitikerInnen geschaffenen Grenzen geboren wurde. Deutsch ist, wer einen deutschen Pass besitzt. Auf diese Tatsache, auf welche man kaum Einfluss hat, ist der/die Deutsche nun stolz. Dazu hat er/sie ein gutes Recht, denn alle anderen machen das ja auch. Die bösen anderen, Franzosen/Französinnen, ItalienerInnen und AustralierInnen, die alleine, weil sie nicht im gleichen Land geboren wurden wie der/die Deutsche oder nicht den gleichen Pass haben, schon GegnerInnen sind. Gegner auf dem Spielfeld und nach dem Spiel in den Straßen der Stadt.

Wenn sich hunderte Menschen 90 Minuten lang in eine ablehnende Haltung zum „Gegner“ hineinsteigern, sich mit dem Singen der Hymne, dem Schwenken der Fahnen in einen nationalen Rausch versetzen und das Ganze mit Alkohol festigen, wundert es nicht, dass nach dem Spiel jeder soziale, politische und gemeinschaftliche Gedanke dahin ist und gemeinsam mit Nazis der Sieg über die wirklich doofen und unfähigen Gegner gefeiert wird. Es fehlt jede Auseinandersetzung mit Idealen, Inhalten und vor allem den Folgen von so unreflektierten Handlungen. Genau das führt dazu, dass Minderheiten diskriminiert werden und AnhängerInnen der extremen Rechten unter dem Deckmantel der Fußballweltmeisterschaft ihre nationalistischen Ideologien ausleben können. Denn Fahnenschwenken hat nichts mit der Kultur Deutschlands zu tun, sondern ist eine oberflächliche unreflektierte Identifikation.
Es wäre demnach der einzige Weg ohne Symbole der Nation den Fußball zu verfolgen. Um des Sportes Willen und aus der Idee heraus, gemeinsam mit Freunden egal welcher Herkunft oder Nationalität, einen Abend zu verbringen. Konsequenterweise wäre die Werbeschlager wie Flaggen, Gummibärchen und Co in den Regalen liegen zu lassen und gemeinsam mit allen anderen Menschen dieser Welt aus Interesse am Fußball die Spiele zu verfolgen.

This entry was posted on Dienstag, Juni 15th, 2010 at 7:22 am and is filed under Antifa, Neuigkeiten. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

4 Responses to “internationale solidarität statt unbekümmerter patriotismus: warum wir uns an nationalen symbolen im fußball stören”

  1. lira Says:

    Als bekennder Fußballfan und regelmäßiger Stadiongänger finde ich die nationale Aufladung von Fußball nicht nur absolut nervtötend und abschreckend, sondern halte sie auch für sehr gefährlich.

    Zu diesem Thema gibt es auch interessante wissenschaftliche Arbeiten, die zeigen, dass die Kritik an den Fahnengeilheit auf berechtigten Befürchtungen beruht. Insgesamt kann festgestellt werden, dass sich Nationalismus in einem solchen Klima, das wir auch in diesen Wochen wieder erleben ausbreiten kann. Nationalist_innen fühlen sich plötzlich geborgen und in der Mehrheit. Dem muss entschieden entgegengetreten werden.

    Lesetipps:

    http://www.uni-marburg.de/aktuelles/news/2006/20061213studie/20061213studie

    http://www.sueddeutsche.de/kultur/studie-zur-fussballweltmeisterschaft-fussballtaumel-und-fremdenfeindlichkeit-1.893255

  2. Sebastian Says:

    Ich fass es einfach nicht: jetzt bekommt man schon in der Apotheke als give-away eine deutschland-tüte! Gesund werden fürs Vaterland oder was? Die nationale Hysterie kennt keine Grenzen mehr….

    Ich freue mich schon auf die nach dieser Fußball-Männer-WM, wenn man wieder den Fußball genießen kann, ohne für die “nationale Sache” vereinnahmt zu werden und ohne an allen Ecken diese widerlichen Fahnen zu sehen!

    Mir konnte immer noch keiner erklären, warum micht mit der DFB-Fahne gewedelt wird (schließlich verwendet auch die Fifa nicht die National- sondern die Verbandssymbole). Ich jedenfalls bin nicht Deutschland! Ole & Tröt

  3. lira Says:

    Fußball unterm Hakenkreuz – Nazisymbole auf Fanfesten

    Verfasst von Olaf Sundermeyer

    Hitlergruß, Hakenkreuze und Reichskriegsfahnen auf den Fanfesten: Wo Deutsche jeglicher Herkunft im sanften Fußballpatriotismus vereint sind, versuchen einzelne Neonazis ihre unbeliebte Botschaft vom völkischen Deutschland unter die Leute zu bringen.

    Etwa Eineinviertelstunde nachdem der gläubige Moslem Mesut Özil in Johannesburg seine Hände mit den Handflächen nach oben zu einem kurzen Gebet vor den schmächtigen Oberkörper hielt, sorgt er unter den Reichskriegsfahnen für Jubel. Mit seinem wuchtigen Torschuss zum 1:0 Endstand gegen Ghana. Deutschland kommt weiter – ins Achtelfinale. Darüber freuen sich auch die Gäste in einem Lokal im niedersächsischen Haste, wo eine solche Fahne – das Ersatzsymbol der verbotenen Hakenkreuzfahne – zur selbstverständlichen Dekoration beim Public Viewing gehört. Sie hing ganz sicher nicht zufällig dort. Schließlich gilt der dortige Landkreis Schaumburg-Lippe als eine der westdeutschen Hochburgen für Neonazis. „Die breiten sich besonders dort aus, wo Rechtsextremismus von der übrigen Bevölkerung als normal angesehen wird“, stellte der Bielefelder Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer im vergangenen Jahr in einer Studie fest, die sich mit menschenfeindlichen Einstellungen im Nachbarort von Haste beschäftigt. National ist hier normal. Özil hin oder her. Und auch auf der Wuppertaler Fanmeile stören sich die Besucher nicht an der Reichskriegsfahne, die am Tag von Özils Kunstschuss über ihren Köpfe weht, schließlich strömen die Neonazis an anderen Tagen auch zu den Heimspielen des örtlichen Drittligisten.

    Denn im anonymen Klima des Massenphänomens Fußball fühlen sie sich wohl. Dort verbreiten sie schleichend ihre Botschaft von einem völkischen Deutschen Reich, in dem Menschen wie Mesut Özil übrigens nichts verloren haben. Weil er zwar in Gelsenkirchen geboren ist, nicht aber seine Eltern. Neonazis machen sich auch im Schutz einer Euphorie breit, die von einer multiethnischen Nationalmannschaft ausgelöst wurde. Das passiert mittels juristisch unbedenklicher Symbolik, wie sie die NPD über ihr „nationales Warenhaus“ vertreibt: Mit kleinen schwarz-weiß-roten Autofähnchen für fünf Euro das Stück, wie man sie derzeit im Berliner Osten gelegentlich – und in Kreuzberg überhaupt nicht an den Autos sieht. Die Partei ist vorsichtig geworden, seitdem drei ihrer Spitzenfunktionäre, darunter Parteichef Udo Voigt, in diesem Frühjahr wegen eines volksverhetzenden WM-Planers von einem Berliner Gericht verurteilt wurden, den sie bei der WM vor vier Jahren verteilen ließ. Damals diskriminierte sie den Nationalspieler Patrick Owomoyela, Sohn einer Deutschen und eines Nigerianers. Auch Mesut Özil sei bloß ein „Plastedeutscher, ein Ausweisdeutscher“, sagte der ebenfalls verurteilte NPD-Landesvorsitzende von Brandenburg, Klaus Beier, in einem Fernsehinterview.

    Und manchmal kommt das Völkische auch unverklausuliert zu den Fans: Etwa auf der Fanmeile am Frankfurter Roßmarkt, wo ein Mann (nach dem Hinweis eines Journalisten) von der Polizei festgenommen wurde, weil er sich ein Hakenkreuz auf den Körper gemalt hatte. Aber niemand hatte sich an der eigenwilligen Körperbemalung gestoßen. Auch nicht an dem Hitlergruß, den eine Gruppe einschlägig bekannter jugendlicher Neonazis beim Public Viewing zum Viertelfinalspiel Deutschland-Argentinien in der Frankfurter Commerzbank-Arena vorführte. Immer wieder kommt es zu solchen Vorfällen. Und nur die wenigsten werden publik.

    In Witten wurde dieser Gruß unter den Zuschauern des ersten Deutschlandspiels gegen Australien in einem Kulturzentrum zum Thema, nachdem ein Lokalreporter der „Ruhrnachrichten“ darüber berichtet hatte. „Die Dummen sterben offensichtlich nicht aus“, schrieb er, und machte damit eine Gruppe jugendlicher Neonazis sichtbar, die in der Stadt aktiv ist, und schon seit der EM 2008 immer wieder bei Fußballübertragungen auftaucht. In der Nachbarstadt Dortmund ballt sich die Fußballkultur wie an wenigen anderen Orten in Deutschland, gleiches gilt aber auch für eine jugendliche Neonaziszene. Das weiß auch die Polizei. Und so waren es mutmaßlich die Spezialisten des Staatsschutzes, die bei der Übertragung des Auftaktspiels der Deutschen in Südafrika eine Gruppe von Neonazis in offen neonazistischer Symbolik auf dem zentralen Fanfest ausmachte. Aus der obersten Etage des Rathauses, das einen freien Blick über den Festplatz bietet, hatten sie die Störer ausgemacht. Von einschlägigen Tätowierungen ist die Rede. Bereitschaftspolizisten holten die Neonazis aus der Menge. „Sie wurden dann freundlich ans Händchen genommen, und aus der Menge eskortiert“, sagt Oliver Berten von der Stadtverwaltung. Der Einsatz verlief fast unbemerkt von der Öffentlichkeit. Zuvor schon hatten private Sicherheitsleute fast 30 äußerlich erkennbaren Neonazis den Einlass verwehrt. „Denen hat man ein offizielles Platzverbot erteilt“, sagt Berten.

    Das Problem seien aber vor allem jene Rechtsextremisten, die nicht gleich als solche erkennbar sind, und die anonyme Masse für ihre Agitation nutzen, sagt Stefan Mühlhofer. Aus dem Büro seiner Koordinierungsstelle „Vielfalt und Toleranz“ blickt man dieser Tage ebenfalls auf das Fanfest. So nehme der Trend hin zu jugendlichen besonders gewaltbereiten Neonazis zu, die äußerlich den urbanen Stil linker Jugendkulturen annehmen. Die wenigsten Neonazis malen sich ein Hakenkreuz auf die Brust, oder lassen sich eine „88“ auf den martialisch anmutenden Stiernacken tätowieren, als Zeichen für die beiden achten Buchstaben des Alphabets, die für „Heil Hitler“ stehen. Die meistens sind milchgesichtig und stehen vielleicht mit einer schwarzen Baseballkappe irgendwo auf einer Fanmeile in Deutschland. Und wenn sie sich unbeobachtet fühlen, dann recken sie die Hand zum Hitlergruß, weil Mesut Özil für sie kein Deutscher ist, und ihre heimliche Fahne keine schwarz-rot-goldene.

    http://endstation-rechts.de/index.php?option=com_k2&view=item&id=5101:fu%C3%9Fball-unterm-hakenkreuz-%E2%80%93-nazisymbole-auf-fanfesten&Itemid=618

  4. lira Says:

    Bilanz der Nationalismus-Party

    12.07.2010
    BERLIN

    (Eigener Bericht) – Mit großer Zufriedenheit bilanzieren die deutschen Medien die nationalistische Kampagne zur jetzt zu Ende gegangenen Fußball-WM. Man habe in Deutschland “ein paar herrliche Sommertage” verlebt, “durchtränkt von Stolz und Patriotismus”, heißt es in der Hauptstadtpresse. Den aufgrund der NS-Verbrechen lange Zeit “außerordentlich problematischen” Umgang mit nationalen Symbolen habe man überwunden, die Deutschlandfahne sei nunmehr zum “Ausdruck von Gemeinschaft” geworden, erklärt die staatsfinanzierte Deutsche Welle. Die jetzt zu Ende gehende Kampagne hat die nationale Mobilisierbarkeit der deutschen Bevölkerung weiter gesteigert – ein Umstand, dem erhebliche Bedeutung zukommt, da die Medien die Außenpolitik der Bundesregierung seit einigen Jahren zunehmend mit teils rassistisch gefärbten Massenkampagnen begleiten. Jüngstes Beispiel war die Kampagne gegen Griechenland anlässlich der Euro-Krise, die unter Nutzung rassistischer Stereotype aus dem 19. Jahrhundert durchgeführt wurde. Gewalttätige Übergriffe, die der angeblich friedliche “Party-Patriotismus” hervorbrachte, werden dabei ebenso beschwiegen wie die bemerkenswerte Toleranz gegenüber NS-Symbolen bei den Public Viewings.

    Nationale Gemeinschaft
    Die deutschen Medien bilanzieren die nationalistische Kampagne zur jetzt zu Ende gegangenen Fußball-WM durchweg mit großer Zufriedenheit. “Das deutsche Team” habe “der Nation ein paar herrliche Sommertage geschenkt, durchtränkt von Stolz und Patriotismus”, heißt es beispielsweise im Berliner Tagesspiegel.[1] Den aufgrund der NS-Verbrechen lange Zeit “außerordentlich problematischen” Umgang mit nationalen deutschen Symbolen habe man überwunden, erklärt die staatsfinanzierte Deutsche Welle: Die deutsche Nationalflagge sei “zu einem beinahe modischen Accessoire geworden”, angeblich “komplett unpolitisch” sowie “Ausdruck von Gemeinschaft”.[2] In einem norddeutschen Regionalblatt heißt es – typisch für die allgemein verbreitete Stimmung -, “Schwarz-rot-gold” sei “ein Bekenntnis zu einer Gemeinschaft geworden”, die “friedlich und fair” sei “und niemanden ausschließt”.[3]

    Gewalt
    Dass von einem angeblich gewaltlosen “Party-Patriotismus” keinesfalls die Rede sein kann, zeigten zahlreiche Übergriffe gegen tatsächliche oder mutmaßliche Anhänger von Mannschaften, gegen die das deutsche Team spielte. Kam es schon nach der deutschen Niederlage gegen Serbien zu diversen Angriffen auf Serben, wurden vor dem Match gegen Ghana mehrfach Schwarze attackiert.[4] Ihren Höhepunkt erreichte die Gewalt nach der deutschen Halbfinal-Niederlage gegen Spanien. Aus einer ganzen Reihe von Städten wurden physische Attacken auf Spanier gemeldet, teilweise wurden auch spanische Autokorsos angegriffen. In Ahlen (Nordrhein-Westfalen) musste die Polizei deutsche Fans davon abhalten, ein spanisches Restaurant zu stürmen. “Immer wieder” seien deutsche Fußballfans “körperlich oder durch gezielte Würfe mit Flaschen, Feuerwerkskörpern oder anderen Wurfgeschossen gegen jubelnde und feiernde Spanien-Fans oder deren Fahrzeuge” vorgegangen, heißt es in einem Polizeibericht aus dem nordrhein-westfälischen Landkreis Mettmann, der – im Unterschied zu anderen Berichten – die Vorkommnisse des Abends umfassend dokumentiert.[5] Die Attacken erreichten auch die virtuelle Welt. Einen Angriff von Hackern auf die Website des spanischen Fußballverbandes Real Federación Española de Fútbol (RFEF) schreiben spanische Behörden deutschen Fußballfans zu.[6]

    Geduldet
    Davon, dass der “Party-Patriotismus” den Anwandlungen der alten, aggressivsten Formen des deutschen Nationalismus widerstehe, kann ebenfalls keine Rede sein. Immer wieder, heißt es in Berichten [7], hätten deutsche Fans bei öffentlichen Public Viewings den “Hitlergruß” gezeigt, Reichskriegsflaggen geschwenkt oder Nazi-Parolen gegrölt. Die erste Strophe des sogenannten Deutschlandliedes (“Deutschland, Deutschland über alles”) war ebenfalls gelegentlich zu hören. “Erschreckend” sei “nicht nur die Regelmäßigkeit”, mit der diese Vorfälle zu verzeichnen seien, sondern vor allem auch, wie sie “in den meisten Fällen von der breiten Masse geduldet” würden, resümieren kritische Beobachter.[8]

    Massenkampagnen
    Die Ansätze zu Gewalt und zu Toleranz gegenüber Nazi-Parolen sind umso bedrohlicher, als in der Bundesrepublik in den letzten Jahren gleich mehrfach rassistisch gefärbte Massenkampagnen für außenpolitische Zwecke genutzt wurden. Dies gilt etwa für die Kampagne gegen die Volksrepublik China vor den olympischen Sommerspielen in Beijing 2008; damals wurden blutige Unruhen in der chinesischen Region Tibet zum Anlass genommen, um die Bevölkerung der Bundesrepublik nahezu geschlossen gegen China aufzubringen – auch auf der Basis alter antichinesischer Ressentiments.[9]

    “Slawische Unholde”
    Rassistische Züge trug auch die Massenkampagne gegen Griechenland anlässlich der Euro-Krise, die – ganz wie die antichinesische Kampagne des Jahres 2008 oder die nationalistische Kampagne zur diesjährigen Fußball-WM – von den deutschen Medien so gut wie flächendeckend mitgetragen wurde, öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten inklusive. “Kein Tropfen des alten Heldenblutes fließt ungemischt in den Adern der jetzigen Neugriechen” [10], zitierte eines der großen deutschen Nachrichtenmagazine im Februar zustimmend den 1861 verstorbenen österreichischen Publizisten Jakob Philipp Fallmerayer: Die Bevölkerung des neuzeitlichen Griechenland sei “ein entartetes Geschlecht”, “Abkömmlinge jener slawischen Unholde, die im fünften und sechsten Jahrhundert über das byzantinische Reich hereinbrachen und die hellenische Nationalität mit Stumpf und Stiel ausrotteten.” “Die modernen Griechen”, kommentierte das Magazin, “beweisen ihre Unähnlichkeit mit ihren Vorfahren jedenfalls quasi täglich”. Fallmerayers rassistische Thesen hatten schon in den 1940er Jahren zur Legitimation der NS-Expansion gedient.

    Mittel und Zweck
    Die von Politik und Medien geschürte nationalistische Kampagne zur jetzt zu Ende gegangenen Fußball-WM hat die Mobilisierbarkeit der Bevölkerung noch weiter gesteigert: Sie erfasste auch linksliberale Milieus, die sich etwa während der Fußball-WM 2006 noch eine gewisse Distanz gegenüber den nationalistischen Aufwallungen zu bewahren gesucht und zum Beispiel auf das Schwenken von Deutschlandfahnen verzichtet hatten. Diesmal waren die wenigen Kritiker des immer mehr erstarkenden deutschen Nationalismus ersten öffentlichen Kampagnen ausgesetzt (german-foreign-policy.com berichtete [11]). Damit geraten Widerstandspotenziale weiter in die Defensive, die zukünftigen außenpolitisch motivierten Kampagnen wie denjenigen gegen China oder gegen Griechenland etwas entgegensetzen könnten. Die Fußball-WM hat aus Sicht Berlins ihren Zweck auch ohne deutschen Weltmeistertitel vollständig erfüllt.

    [1] Joachim Löw: Bleibt er oder bleibt er nicht? http://www.tagesspiegel.de 10.07.2010
    [2] Bunt, jung, phantasievoll; http://www.dw-world.de 07.07.2010
    [3] Weser-Kurier: über den neuen Patriotismus der Deutschen; http://www.presseportal.de 09.07.2010
    [4] Einen Überblick über Pressemeldungen, die von Übergriffen während der Fußball-WM berichten, publiziert die Zeitschrift konkret auf ihrer Website: http://www.konkret-verlage.de/kvv/txt.php?text=a1
    [5] Enttäuschendes Halbfinalergebnis sorgte nur Anfangs für Ruhe; Polizei Mettmann 08.07.2010
    [6] La web de la RFEF recibe el ataque masivo de hackers desde Alemania; http://www.lavanguardia.es 08.07.2010
    [7] Public Nazi Viewing; blog.zeit.de/stoerungsmelder
    [8] Fußballweltmeisterschaft 2010: Wenn Party-Patriotismus problematisch wird; http://www.netz-gegen-nazis.de
    [9] s. dazu Besonders manipulativ und Jederzeit mobilisierbar
    [10] 2000 Jahre Niedergang; Focus 22.02.2010
    [11] s. dazu Ein Stück Volksverdummung

    Quelle: http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57855

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